Austrian Press Coverage of the Vienna Conference – Part 3

In Part 3 of this series, Lucia Reinsperger takes a more scientific approach (science.orf.at) in her interviews with Lisa Smithies on cognition and Susan Lohafer on the place of the short story – the past AND the future.

I stress the AND here, because the genre is not immune to voices insisting that the short story form as practised in the traditional Anglophone world is the only true one, perhaps ignoring that the short story, in any country and culture, is a form that seems to come to the fore in periods of change and therefore will always have various emanations.

Die Kurzgeschichte wurde erfolgreich, als die Magazine populär wurden, und ist es dort, wo soziale Veränderung ansteht.

Nobelpreis mit Hoffnung auf Anerkennung
“Ich würde wirklich hoffen, dass der Nobelpreis die Menschen sehen lässt, dass die Kurzgeschichte eine wichtige Kunst ist – und nicht nur etwas, mit dem man herumspielt, bis man einen Roman hat”, wird Alice Munro von der Short Story Society zitiert. Die Kurzgeschichtenautorin Munro wurde 2013 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet – und hat für Autoren und Liebhaber des Genres die Hoffnung geweckt, die Textgattung würde mehr Anerkennung und Respekt finden.

Susan Lohafer ist eine davon. Die emeritierte Professorin für Amerikanische Literatur, Theorie der Kurzgeschichte und nichtfiktionale Literatur an der Universität Iowa, weiß: Große Verlage bevorzugten Romane und setzten junge Autoren unter Druck, solche zu schreiben. “Solange man kein namhafter Autor ist, ist es schwer, Kurzgeschichten zu veröffentlichen. Aber wie wird man ein namhafter Autor? Es ist ein Teufelskreis”, sagt sie im Gespräch mit science.ORF.at.

Dabei sei die Kurzgeschichte eine eigene Literaturgattung, sie sei anders als der Roman und habe ihren eigenen Platz. Lohafer geht noch weiter: “Sie ist nicht einfach eine kurze Form von etwas Längerem, in vielen Fällen ist die Kurzgeschichte der Höhepunkt der literarischen Kunst.”

Doch sie weiß auch um den Widerspruch in ihrer eigenen Tätigkeit: Die Schreibkurse an den Universitäten hätten großen Einfluss. Wenn Studenten Kurse in Kreativem Schreiben belegen, ist die Kurzgeschichte jenes Genre, das sie in etwa 15 Wochen bestmöglich lernen können. Doch das könne die Ansicht verstärken, die Kurzgeschichte sei eine Übungsmethode – erst später würde man sich den richtigen Dingen zuwenden. “Wenn jemand die Gabe hat, Kurzgeschichten zu schreiben, dann soll er das weitertun. Es gibt ein aufgeschlossenes Publikum und es ist gut möglich, Lesungen zu halten.”

Aus Sicht der Kognitionswissenschaft
Lisa Smithies gehört zu den Studenten, die das kreative Schreiben auch von der Universität kennen. Sie ist Doktoratsstudentin an der Universität Melbourne in Kreativem Schreiben und erforscht die Verbindung zur Kognitionswissenschaft. Besonders beim kreativen Schreiben seien Wörter wie Musiknoten, die nicht verändert werden können, ohne auch einen veränderten Klang zu erzeugen. Kurzgeschichten müssten präzise formuliert sein und mit einem Ausdruck mehrere Deutungsmöglichkeiten zulassen.

Aus kognitionswissenschaftlicher Sicht hat Smithies Vladimir Nabokovs Kurzgeschichte “Signs and Symbols” analysiert. 1948 wurde die Geschichte in der Zeitschrift The New Yorker veröffentlicht, zehn Jahre später im eigenen Buch des Autors Nabokov’s Dozen. Zwar ist die Geschichte dieselbe, Smithies stellte aber einige Unterschiede in der Wortwahl fest, die Magazinredaktion habe Ausdrücke geändert – und Feinheiten weggelassen. Das “irgendwie gemachte Haar” wurde im Magazin zu “fahrlässig aufgestecktem Haar”. Dabei würde die erste Formulierung dem Leser mehr Interpretationsspielraum lassen. Und sie zeige, wie Nabokov beim Schreiben gezielt bestimmte Begriffe ausgewählt hat – Denkprozesse, die nur dem Menschen möglich sind, und in der Kurzgeschichte besonders wichtig sind.

Antwort auf unsere Zeit
In Zeiten der Schnelllebigkeit, der verkürzten Aufmerksamkeit und des Zeitmangels für ausführliches Lesen – sind Kurzgeschichten genau das, was wir brauchen? “Literaturstudenten wissen heute mehr über unsere geistigen Fähigkeiten und unsere Wahrnehmung”, sagt die Literaturprofessorin Lohafer. Kurzgeschichten würden dem Mechanismus entgegenkommen, wie unser Gehirn Informationen aufnimmt und verarbeitet. Trotzdem und gerade deshalb sei die Kurzgeschichte eine zeitlose Textform und sehr nah an der Denkweise der Menschen ihrer Zeit. “Die Kurzgeschichte ist Literatur der Vergangenheit und der Zukunft. In einer klaren, gar rohen Form kann man die Versuche erkennen, wie Menschen darstellen, was passiert – egal ob politisch oder sozial.”

Heute haben Textformen Erfolg, die die Knappheit regelrecht vorschreiben. Der Kurznachrichtendienst Twitter zwingt zu Botschaften mit maximal 140 Zeichen. Gilt schon eine einzelne Nachricht, ein Tweet, als Kurzgeschichte? Genregrenzen würden heute hinterfragt, durchbrochen und verschwimmen, findet Lohafer. Und natürlich stelle sich die Frage, wie kurz eine Kurzgeschichte eigentlich sein könne, aber: “Für mich braucht eine Kurzgeschichte immer noch – wörtlich oder indirekt – einen erzählerischen Bogen.”

Lohafer sieht die Kurzgeschichte traditionell als jene, die ihren Ursprung im 19. Jahrhundert hat und an Edgar Allan Poe angelehnt ist: Die Kurzgeschichte ist erzählte Prosa und kann in einem Zug gelesen werden, also in etwa einer Stunde. Ihre Kürze, Selektivität, Komprimierung macht sie aus, ein großer Gedanke, ausgedrückt im Kleinen.

Stimme der Veränderung
Im 20. Jahrhundert hat sich die Kurzgeschichte mit dem Magazin als populärstem Medium entwickelt. The New Yorker war das wichtigste – “wer darin etwas veröffentlicht hat, hat es geschafft”, sagt Lohafer. “Autoren wie Ernest Hemingway haben ihre Geschichten regelmäßig und für gutes Geld in Zeitschriften veröffentlicht, die jeder zur Unterhaltung las. Heute dreht man den Fernseher auf, um kurze Geschichten zu sehen.” Heute gebe es noch kleine Literaturmagazine, die aber die Autoren nicht bezahlen und beispielsweise von Universitäten subventioniert werden.

Das Genre Kurzgeschichte sei dort erfolgreich, wo die soziale Ordnung labil ist. Die USA hätten sich immer mit Kurzgeschichten assoziiert. Jeder müsse seinen eigenen Weg finden, es sei ein offenes Feld – ähnlich sei die Textsorte in Russland mit Anton Tschechow und in Irland mit Frank O’Connor erfolgreich geworden.

“Jetzt erheben afrikanische Länder ihre Stimme”, sagt Lohafer, “in der wachsenden Bevölkerung will sich das Individuelle durchsetzen.” Die Kürze der Kurzgeschichte mache es möglich, Botschaften auf den Punkt zu bringen. So wie amerikanische Frauen den Mainstream gebrochen hätten, würden einige afro-amerikanische Autoren mit sozialem Protest assoziiert. “Die Kurzgeschichte ist ein wunderbarer Platz, um die Energie der Veränderung einzufangen.”

Lucia Reinsperger, http://science.orf.at/stories/1742841/
22.07.2014

More interviews, this time in English, in Part 4.

 

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